19 Februar 2022

Stasi-Verdacht: Neue Erkenntnisse zum Heizer in der Moritzkirche

Westsachsen/Zwickau.-
Wer hätte das gedacht? Nach unserem Artikel  vom 28. Januar mit dem Titel „Der Heizer in der Moritzkirche“ haben sich weitere Zeitzeugen gemeldet. Demnach war von März bis Juni 1989 ein Herr S. (Name der Redaktion bekannt) für ganze drei Monate dort als Heizer angestellt. S. hatte zuvor eine höhere Stellung beim Rat der Stadt Zwickau inne. Bekanntermaßen ging es in diesen Kreisen damals nicht ohne Parteibuch der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und gewissen Kontakten zu staatlichen Behörden, also dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Woraus sich die Frage ergibt, was hatte dieser Mann als Heizer in der Moritzkirche verloren?
Unsere Recherchen haben ergeben, dass Herr S. kurze Zeit später mit der gesamten Familie in den Westen ausreisen durfte. Interessanter Weise war es ihm erlaubt, mittels LKW-Transport allerlei Antiquitäten wie Schränke, Stühle, Wanduhren und ähnliches mitzunehmen. Das war für den Normalbürger zur damaligen Zeit praktisch ausgeschlossen. Kaum jemand durfte auch nur ein Möbelstück mitnehmen. Lediglich die Sachen am eigenen Leib und ein-zwei Koffer gingen durch den Zoll. Umso erstaunlicher und mysteriöser wirkt jetzt dieser Fall.
Aussagen von Zeitzeugen zufolge wusste man in Stasikreisen bereits sehr lange vor dem November 1989, dass es eine politische Wende geben würde. Dafür wurden seitens des DDR-Geheimdienstes Vorkehrungen getroffen. So schickte man staatstreue Funktionäre sozusagen als Vorhut in den Westen, um dort eigene Strukturen aufzubauen. Natürlich durfte davon nichts an die Öffentlichkeit dringen. Schon gar nicht sollte später belastendes Material gefunden werden. Denkbar wäre, dass S. beauftragt war, rechtzeitig brisante Unterlagen zu vernichten. Dafür sicherte man ihm und seiner Familie eine sorgenfreie Zukunft im Westen zu. Den Befehl dazu könnte der oberste Dienstherr Bernd Meyer gegeben haben, dem zu Ehren erst kürzlich ein Bäumchen gepflanzt wurde (WSZ berichtete).
Die Stasi-Zentrale hatte keine eigene Heizung. Sie war über unterirdische Gänge mit dem Volkspolizeikreisamt (VPKA) auf der anderen Straßenseite verbunden. Hier liefen die Heizungsrohre durch, die mittels Fernwärme gespeist wurden. Deshalb suchte man zur Aktenverbrennung eine Alternative. Dafür würde sich die Nähe der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Körnerstraße (heute Lessingstraße) zur Moritzkirche anbieten. Lediglich eine Nebenstraße hätte man des nachts unerkannt überwinden müssen, um in den dortigen Heizungskeller zu gelangen.
Unklar bleibt, welche Rolle der frühere Bürgerrechtler und jetzige GRÜNEN-Stadtrat Martin Böttger dabei gespielt hat. Auf unsere Interview-Anfragen reagierte er bisher mit Ausflüchten (WSZ berichtete).
Zeichnung: Ulrike Eismann

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